Backtesting vs. Live-Trading: Warum echte Ergebnisse abweichen
Warum Live-Ergebnisse vom Backtest abweichen: Fills, Slippage, Kommissionen, Latenz, Datenqualität, Look-ahead-Bias und Regimewechsel – und wie Sie vorher richtig testen.
Fast jeder Trader, der eine Strategie gebaut hat, kennt diesen Moment: Der Backtest sieht großartig aus, und nach ein paar Wochen Live-Trading ist das Bild ein völlig anderes. Das heißt nicht unbedingt, dass die Strategie schlecht ist. Es heißt, dass ein Backtest ein Modell der Realität ist, und jedes Modell beruht auf Annahmen. Dieser Artikel geht die Hauptursachen der Abweichung durch und zeigt, wie Sie sie verkleinern.
Was ein Backtest tatsächlich misst
Ein Backtest wendet die Regeln einer Strategie auf historische Kursdaten an und berechnet, was passiert wäre, wenn Sie danach gehandelt hätten. In TradingView übernimmt das zum Beispiel der Strategy Tester für in Pine Script geschriebene Strategien. Das Ergebnis ist eine Schätzung, keine Aufzeichnung der Vergangenheit.
Das Problem: Ein Backtest „weiß" nur, was in seinen Daten steht. Bestehen die Daten aus Fünf-Minuten-Kerzen, weiß er nicht, was innerhalb der Kerze geschah. Haben Sie keine Kommissionen eingestellt, geht er davon aus, dass Handeln kostenlos ist. Haben Sie keine Slippage eingestellt, nimmt er an, dass jede Order exakt zum gewünschten Preis ausgeführt wird. Jede dieser Annahmen verzerrt das Ergebnis nach oben.
Fills und Slippage
Für die meisten Trader ist das die mit Abstand größte Ursache der Abweichung.
- Market-Orders werden zum nächsten verfügbaren Preis ausgeführt, nicht zu dem Preis, der im Moment der Entscheidung auf dem Chart stand. In volatilen Momenten, etwa bei der Veröffentlichung des Arbeitsmarktberichts, kann der Unterschied mehrere Ticks betragen.
- Limit-Orders garantieren den Preis, aber nicht die Ausführung. Viele Backtests nehmen an, dass die Order gefüllt wurde, sobald der Kurs das Niveau berührt hat. In Wirklichkeit standen Sie vielleicht hinten in der Warteschlange und wurden nie bedient – oft gerade bei den besten Trades.
- Stop-Orders werden beim Auslösen zu Market-Orders und können deshalb weit vom Niveau entfernt ausgeführt werden.
Ein hypothetisches Beispiel: Eine Strategie macht 400 Trades im Jahr auf MNQ. Erleidet jeder Trade im Schnitt einen Tick Slippage beim Einstieg und einen beim Ausstieg, summiert sich das auf 800 Ticks pro Jahr, die im Backtest nie auftauchten. Bei einer Strategie mit kleinem Vorteil kann genau das den ganzen Unterschied ausmachen. Mehr dazu in Slippage und Ausführungskosten.
Kommissionen, Börsengebühren und Datenkosten
Jeder Futures-Trade verursacht Kosten: Broker-Kommission, Börsen- und Regulierungsgebühren und manchmal Plattformgebühren. Strategien mit relativ hoher Handelsfrequenz sind besonders empfindlich. Eine einfache Faustregel: Setzen Sie im Backtest konservative Kosten an, etwas höher als das, was Sie tatsächlich erwarten.
Latenz
Zwischen dem Moment, in dem eine Bedingung erfüllt ist, und dem Moment, in dem eine Order die Börse erreicht, vergeht Zeit: Die Kerze muss schließen, der Alert wird gesendet, der Webhook empfangen und verarbeitet, und die Order geht an den Broker. Meist sind das nur wenige Sekunden oder weniger, aber in einem schnellen Markt zählt selbst das. Eine Strategie, die darauf baut, exakt zum Kerzenschluss einzusteigen, bekommt in der Praxis immer einen leicht anderen Preis.
Datenqualität und Verzerrungen
- Look-ahead-Bias: Der Code nutzt Informationen, die zum Zeitpunkt der Entscheidung noch nicht verfügbar waren. Ein klassisches Beispiel: Die Entscheidung basiert auf dem Schlusskurs einer Kerze, der Einstieg erfolgt aber zum Eröffnungskurs derselben Kerze. Auch ein unsauberer Umgang mit Daten aus höheren Zeiteinheiten kann das verursachen.
- Repainting: Indikatoren, die ihre historischen Werte nachträglich ändern. Auf dem Chart sieht das Signal perfekt aus; in Echtzeit ist es aufgetaucht und wieder verschwunden.
- Survivorship-Bias: vor allem bei Aktien relevant – getestet wird nur auf Werten, die bis heute überlebt haben. Bei Futures ist das Pendant der Continuous-Chart (etwa NQ1!), der verschiedene Kontrakte aneinanderfügt und an Rolltagen künstliche Sprünge erzeugen kann.
- Fehlende oder falsche Daten: fehlende Kerzen, falsche Sessionzeiten oder eine falsche Zeitzone.
Wechsel des Marktregimes
Selbst ein technisch perfekter Backtest beschreibt die Vergangenheit. Märkte durchlaufen Phasen hoher und niedriger Volatilität, Trends und Seitwärtsphasen. Eine Strategie, die überwiegend auf einem einzigen Jahr mit einem bestimmten Charakter getestet wurde, kann sich in der nächsten Phase ganz anders verhalten. Je länger und vielfältiger der Testzeitraum, desto verlässlicher das Bild – garantiert ist es aber nie. Ein eng verwandtes Problem ist Overfitting, das wir in Overfitting bei Tradingstrategien behandeln.
Forward-Testing und Simulation
Der beste Weg, die Lücke zu überbrücken, ist eine Zwischenstufe: die Strategie in Echtzeit auf einem Simulationskonto laufen zu lassen, über denselben Ausführungsweg, den Sie auch live nutzen werden. Das nennt man Forward-Testing oder Paper-Trading.
Was Sie in dieser Phase prüfen sollten:
- Kommen die Alerts pünktlich und im richtigen Format an?
- Wie groß ist der durchschnittliche Abstand zwischen Signalpreis und Ausführungspreis?
- Ist die Zahl der Trades ähnlich wie im Backtest erwartet?
- Gibt es doppelte oder fehlende Trades oder „verwaiste" Positionen?
- Ist das Verhalten rund um Eröffnung, Schluss und Datenveröffentlichungen plausibel?
Halten Sie jeden Trade in einem Journal fest und vergleichen Sie ihn mit dem Backtest über denselben Zeitraum. Die gemessene Abweichung ist wertvoll: Sie können sie als realistische Slippage-Annahme in den Backtest zurückspielen.
Realistische Erwartungen
- Gehen Sie davon aus, dass die Live-Ergebnisse schwächer ausfallen als der Backtest, und planen Sie entsprechend.
- Ist eine Strategie nur ohne Kommissionen und Slippage profitabel, hat sie keinen echten Vorteil.
- Eine kurze Simulationsphase beweist weder das eine noch das andere; sie testet vor allem die Technik.
- Die Positionsgröße sollte zu Beginn des Live-Tradings klein sein und erst wachsen, wenn sich die Ausführung wie erwartet verhält.
Das Wichtigste in Kürze
- Ein Backtest ist ein Modell mit Annahmen, und fast alle verzerren die Ergebnisse nach oben.
- Slippage, Ausführung von Limit-Orders und Kommissionen sind die größten Ursachen der Abweichung.
- Look-ahead-Bias und Repainting können Ergebnisse erzeugen, die in Echtzeit nie erreichbar waren.
- Forward-Testing in der Simulation, über denselben Ausführungsweg, ist ein Pflichtschritt.
- Messen Sie die tatsächliche Abweichung und spielen Sie sie in Ihre Tests zurück.
Wenn Sie TradingView-Alerts nutzen, können Sie diese mit WeCore an Ihr eigenes Konto anbinden und zunächst im Simulationsmodus laufen lassen, um Fills, Timing und Risikoregeln zu prüfen, bevor Sie auf ein Live-Konto wechseln. Die Grundbegriffe finden Sie unter Was ist algorithmischer Handel.